„Schreiben als Praxis Der Neugierde,
Als Praxis der Intuition,
Als Praxis der Begleitung,
als Praxis des Körpers,
als praxis des Nachdenkens,
auch des nachdenkens über Sprache,
schreiben als praxis der Erweiterung
von Sprache und starren bildern“

– Mirjam Hildbrand

©Tamara Mauss

Das Schauspiel Köln öffnet seine Türen für den zeitgenössischen Zirkus

Im Rahmen des Festivals Zeit für Zirkus zeigt die Kölner Kompanie Hippana.Maleta ihr Stück „Runners“ und erntet Standing Ovation


Köln, 14.11.2025

Zwei Männer in bunten Adidas-Jacken, lässigen schwarzen Hosen, weißen Sneakern und jeweils einer Trinkflasche in der Hand betreten die Bühne. Vorn angekommen nehmen gehen sie in Position, als stünden sie vor einem Wettrennen. Es verspricht sportlich zu werden.

In der Mitte sitzt bereits der Musiker Moisés Mas García auf seiner Cajón und wartet auf die beiden. Langsam hebt er die Hand, zieht die Geste in die Länge. Die Spannung ist kaum auszuhalten. Dann endlich der Schlag und die beiden Jongleure liegen auf dem Boden, als hätte ihnen jemand die Füße weggezogen. Das Eis ist gebrochen, das Publikum lacht, mich eingeschlossen..

Für die Kölner Zirkusszene ist es ein besonderer Abend: Zum ersten Mal wird zeitgenössischer Zirkus im Schauspiel Köln gezeigt. Die junge Kunstform kämpft seit einiger Zeit um mehr Sichtbarkeit und darum, neue Bühnen und Räume für sich und ihre Künstlerinnen zu erschließen. Bühnen wie das Schauspiel Köln eröffnen dafür mit ihrer Position in den Darstellenden Künste wichtige neue Möglichkeiten. Es bringt zeitgenössischen Zirkus Theaterbesucher*innen näher, und zeigt, wie diese Kunstform auf etablierten Bühnen wirken kann. Erfahrungsgemäß wird „Zirkus“ in Deutschland noch immer überwiegend mit traditionellen Formen oder Varieté-Abenden verbunden, weniger mit den Bühnen von Tanz- und Theaterhäusern. Dabei hat sich die Zirkuslandschaft in den vergangenen Jahren enorm erweitert. 

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©Alex Allison

Ein Mehrgänge-Menü des zeitgenössischen Zirkus

Das Festival Zeit für Zirkus in Köln eröffnet mit kurzen Einblicken in die Vielfalt künstlerischen Arbeiten aus Punk, Poesie und spielerischer Präzision

Köln, 13.11.2025

Eine Hügellandschaft am Rande eines Waldes – inmitten der Künstler Benjamin Richter im Anzug mit Schal, der im Wind weht. Wobei: Ein Schal? Doch wohl eher ein langes Papier. Sie lässt das Papier durch die Luft gleiten bis die Person im Wind selbst ein Stück Papier wird; zerknittert und gekrümmt. Ein stetiges Verwandeln der Beziehung von Mensch und Objekt und ein fließendes Entstehen neuer Bilder.

Zeit für Zirkus eröffnet - in verschiedenen Städten Deutschlands findet das Festival zeitgleich statt.  Die Kölner Edition des deutschlandweiten Festivals für Zeitgenössischen Zirkus eröffnet im Creation Centre Contemporary Cirus (CCCC). Warm und einladend leuchtet es durch die großen Fenster in den dunklen Nachthimmel und zieht das zahlreiche Publikum hinein. Über Monate hinweg sind lokale Künstler*innen des Zeitgenössischen Zirkus mit den Spielstätten der Stadt Köln ins Gespräch gegangenen, um ein abwechslungsreiches Programm anzubieten. Diese Vielfalt wird nun über drei Tage quer durch Köln verteilt erlebbar: im Kölner Künstler:innen Theater, dem Haus der Architektur, in der U-Bahnstation des Heumarktes, im Zelt des Latibul, im Kulturbunker Mühlheim und dem Schauspiel Köln.

Zurück ins CCCC: Labyrinthartig erstrecken sich die vier Bühnen der Halle hinter Trennwänden. Auf der einen Seite eine Bar, auf der anderen ein Chinesischer Mast neben behängten Kleiderstangen. Unzählige Meter schwarzer Seile erstrecken sich quer durch die Halle, laufen über Flaschenzüge, durch Karabiner und verbinden sich in Knoten an den Hallenwänden oder im Boden. 

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©Ayham Khalifeh

Kollegiale Zärtlichkeit der freelance lover

Sanfte Arbeit/Elsa Artmann mit „Langes Wochenende“ in der Tanzfaktur Köln

Ein Blick auf künstlerische Selbstständigkeit mit dem Gedanken kollegialer Zärtlichkeit und das Versprechen auf Schönheit und Selbstverwirklichung. Belastbarkeit und Versagen? Ein Abend der Verhandlung zerfließender Grenzen zwischen beruflichen und persönlichen Beziehungen.


KÖLN, 24/11/2024

„Ich die Arbeit an dich die Person. Die Arbeit tanzt auf deinem Schoß und sagt: I will shape you. How I’m in love with the shape of you. I’ll be your most edgy feature. How I will feed you joy. How I will feed you joy and exhaustion. This is how I will feed you joy despite exhaustion. This is what I’ll give you when it is not fun. I’ll give you a break. I'll give you reasons to not attend births, funerals, the illness of close ones. I’ll give you reasons to not join the the protests, movements, the party. How I will make it easy to decide for me again.“

Sanft streicht die Tänzer*in über den Arm, kniet sich vor dem Stuhl auf den Boden, hält Blickkontakt, während sie wieder aufsteht und von hinten auf den Stuhl klettert, um anschließend bäuchlings über den sitzenden Körper auf den Boden zu gleiten.

Das Ensemble Sanfte Arbeit, früher unter dem Namen Artmann&Duvoisin bekannt, ist im vergangenen Jahr zur künstlerischen Leitung unter Elsa Artmann übergegangen. Seit 2015 arbeiten Diana Treder, Anne-Lene Nöldner und Elsa Artmann zusammen, sind in der Kölner Tanzlandschaft und NRW etabliert. Ihr künstlerisches Interesse findet neben zahlreichen zeitgenössischen Tanzproduktionen, Form in Film, Hörspielen, sowie Schreib- und Bewegungswerkstätten. Dabei spiegeln ihre Arbeiten die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Konzepten und kapitalistischen Arbeitsrealitäten.

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©Cecilia Gläsker

Das Schimmern der Welt

„shimmer&death“ von Amanda Romero Canepa in der Tanzfaktur Köln

Ein Abend, der sich aus ökofeministischer Perspektive mit unserem Planeten, den Folgen ausufernden kapitalistischen Konsums und dem fortschreitenden Artensterben beschäftigt.


KÖLN, 26/05/2024

Erschöpft versucht die Tänzerin, sich vorwärtszubewegen. Schwer liegt sie auf dem Bauch, die Beine sind schlaff nach hinten gestreckt. Hände greifen Halt suchend nach vorn, versuchen den kraftlosen Körper ein Stück weiter über den Boden zu ziehen – ein kleines Stück nur näher an die Wasserpfütze dort am Rand der Bühne. Am Ende ihrer Kräfte liegt die Tänzerin schließlich mit der Wange im Wasser. Ein schlürfendes Geräusch ist zu hören, wie ein Echo des Versuches zu Überleben. Dann bewegt sich der Körper nicht mehr. Es ist vollkommen still.

Themen der ökologischen Verantwortung und Fragen nach menschlicher Handlungsfähigkeit (und Handlungsdruck) angesichts der drohenden Katastrophe bewegen heute nicht wenige Tanzschaffende: Wie kann sich im so auf den menschlichen Körper konzentrierten Tanz nicht alles um das Menschliche drehen?

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©Alessandro De Matteis

©Alessandro De Matteis

Der Hoodie als Ausweg

„Synapsen” in der Choreografie von Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz Quintero im
COMEDIA Theater Köln

Wie das so ist mit der Pubertät: Diese Art von Achterbahnfahrt braucht eben sowas wie Superheld*innen


KÖLN, 06/05/2024

Nicht erst auf der Bühne herrscht ein Durcheinander: Schon im Vorraum des Theaters wartet ein Tisch mit bunten Socken, Lichterketten, einem dünnen roten Seil, wellenförmigen Platten aus Plastik verschiedener Größen und Oberflächenstruktur, dazu kollagenartig angeordnete Zeichnungen auf einem DINA3 Papier. Und viele Aufforderungen, Fragen und Kommentare: „Wie sieht es in deinem Gehirn aus? BRAIN UNDER CONSTRUCTION, ->Finde ein passendes Sockenpaar.“ 
Daneben ein Schild: „TOUCHABLE Bühnenbildelemente Gerne Berühren Synapsen“. Eine Einladung, unsere kinästhetischen Sinneswahrnehmungen für das Bühnengeschehen zu sensibilisieren und gleichzeitig Neugierde zu wecken.

In der neuen Tanzproduktion „Synapsen“ des COMEDIA Theaters Köln, koproduziert mit performing:group und choreografiert von Julia Mota Carvalho und Marcela Ruiz, nehmen die drei Tänzer*innen Nona Munnix, Viktoria Lesch und YeoJin Kim das Publikum mit auf die Achterbahnfahrt des Teenagerseins. Dabei bringen sie so manche vielleicht schon vergessene Herausforderung dieser Phase zurück ins Gedächtnis.

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©Christopher Horne

Mehr als nur Gewebe

„EpicDermis“ von Maura Morales beim tanz nrw in Viersen

Jede Berührung geht unter die Haut, im direkten wie im sprichtwörtlichen Sinn. Das erfährt das Publikum hautnah.


VIERSEN, 16/05/2023

Wann ging dir das letzte Mal etwas unter die Haut? Wann hast du das letzte Mal ein Kribbeln auf ihr gesprüht? Gab es für dich einen Moment, in dem du nicht in der Haut einer anderen Person stecken wolltest? Wann bist du das letzte Mal durch die Stadt gelaufen und hast dir beim Anblick eines Menschen gedacht, dass Mensch nur noch aus Haut und Knochen besteht?

Am vorletzten Abend des zweiwöchigen Festivals tanz nrw 2023, zeigten die fünf Tänzer*innen Martha Gardner, Kira Metzler, Guila Russo, Dario Rigaglia, Ilario Frigione unter der choreografischen Leitung von Maura Morales und mit musikalischem Livesampling von Michio Woirgardt das Stück „EpicDermis“ in der Festhalle Viersen.

Abgeleitet von der wissenschaftlichen Bezeichnung Epidermis, aus dem griechischen „epi – über“ und „dermis – Haut“, beschäftigt sich „EpicDermis“ mit dem Menschen als Homo Hapticus: einem tastenden und fühlenden Wesen. Dabei bringt Maura Morales choreografisch anspruchsvolle Strukturen mit Installationskunst, Projektionen, Techniken des Partnering und der Akrobatik in einem bewegenden Gesamtwerk zusammen.

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©Klaus Handner

Was vom Kapitalismus übrig bleibt

„Wetland“ von Katharina Senzenberger

Nach der gefeierten Uraufführung im tanzhaus nrw im letzten November unterwässern die Kompliz*innen erneut die porösen Relationen unserer Zeit, diesmal im Rahmen des Festivals tanz nrw aktuell.

DÜSSELDORF, 14/05/2023

Es ist fast Mitte Mai, doch die Sonne und die warmen Temperaturen lassen noch auf sich warten. Tatsächlich regnet es seit einigen Tagen und auch heute, als ich mich auf den Weg nach Düsseldorf zum tanzhaus nrw mache, um „Wetland“ von Katharina Senzenberger anzuschauen, regnet es aus grauen Wolken auf die asphaltierten Straßen.

Dem Wetter zum Trotz kündigen Biergärten ihre Saisoneröffnung an, Clubs, Festivals und Event-Orte werben mit zahlreichen Veranstaltungen, und die Farben in Schaufenstern werden wieder bunter und die Klamotten kürzer. Lange dauert es nicht mehr, bis sich Menschengruppen in Parks, an Seen oder in Schwimmbädern versammeln, um die leeren Vitamin D-Speicher aufzufüllen.

Bevor es so weit ist, bevor wir unsere vom Winter eingehüllten Körper wieder zeigen können, gilt es diese natürlich in Form zu bringen: „Beach Body, please!“ Wenn ich durch Köln laufe, sehe ich sie überall – die Werbung der Fitnessstudios, die mit ihren Summer-Specials neue Mitglieder werben möchten. Dabei werden nicht nur günstige Preise versprochen, sondern auch ein Körper wie auf den Plakaten abgebildet.

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©Nathan Ishar

God was made in China

„Bladerunner!“ von Julio Cèsar Iglesias Ungo und Hans van den Broeck bei tanz nrw in Münster

Digitale Intelligenz, menschenähnliche Maschinen, eine nicht endende Welle an neuen Technologien, Labore hinter verschlossenen Türen, Verschwörungstheorien – Menschen die Gott spielen?

MÜNSTER, 11/05/2023

Etwas außerhalb und zuerst unscheinbar liegt das in den 1980er Jahren gegründete Theater im Pumpenhaus, mitten in einem Wohnviertel. Seine großen Fensterfronten in Kombination mit alten Ziegelsteinen und Fachwerkhauscharakter strahlen eine einladende Gemütlichkeit aus. Das Gebäude des alten Abwasserpumpwerks war eines der ersten Theaterhäuser für die freie Szene und Ort des Geschehens für als experimentell geltende Performances. Heute kann das etablierte Produktionszentrum auf eine Geschichte der Zusammenarbeit mit vielen renommierten Choreograf*innen zurückschauen.

Die Performance „Bladerunner!“ wurde bereits vergangenes Jahr im Theater im Pumpenhaus gezeigt, feierte dort seine Uraufführung. Jetzt kam der kubanische Choreograf Julio Cèsar Iglesias Ungo für das Festival nrw tanz 2023 zurück nach Münster und zog das Publikum am vergangenen Sonntagabend wieder in seinen Bann.

'Nachtseitenvirtuose, der David Lynch des Theaters, bildgewaltig' – sein Ruf als Choreograf eilt ihm voraus. Und so ist der Titel auch in diesem Stück Programm. Angelehnt an den Sciencefiction-Klassiker Ridley Scotts, bringt Ungo die täuschend menschlich aussehenden Androiden auf die Theaterbühne.

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©Damian Muñoz